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Ivonne Kraft

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Ivonne Kraft (Ghost Int. Racing)

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Ivonne Kraft im Interview

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Ivonne Kraft im Ziel

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Ivonne Kraft (li.), Anna Baylis

Ivonne Kraft

Interview mit Ivonne Kraft

bike2b-Redaktion am 09.07.2004 - 18:59 Uhr

bike2b: Hallo Ivonne, stressige Tage liegen hinter Dir. Als einzige Deutsche hast Du zwei Weltcup-Rennen in Kanada innerhalb einer Woche bestritten. Wie verliefen die Rennen aus Deiner Sicht? Waren sie Teil Deiner Olympia-Vorbereitung oder dienten sie dem Zweck, Dich in der Gesamt-Wetcup-Wertung zu positioniern?
Ivonne Kraft: Die Rennen in Kanada waren eher in ein Trainingsprogramm eingebettet, das dem Formaufbau für die Spiele Ende August dient. Natürlich dienten sie auch der Gesamtwertung im World Cup, die Top Ten der Frauen, bzw. Top Twenty der Männer müssen im World Cup keine Startgebühr zahlen, liegt diese doch bei 45 Euro pro Rennen, in einem Team ohne Geldsponsoren, ist das natürlich sehr praktisch... Und sich einen Startplatz in den vorderen Reihen zu erhalten, ist sehr angenehm.
So unternahm ich die Reise mit meiner jungen australischen Teamkollegin Lisa Mathison, die diese Rennen noch für ihre Olympianominierung benötigte, selbständig. Hauptgrund meiner Reise war jedoch die Tatsache, dass ich in Kanada fern von gewohnter Umgebung einfach mal Ruhe genießen konnte, ganz ohne Telefon und die Ablenkung die man hat, wenn man im Berufs- und Familienleben steckt. Das Trainingsgelände in den endlosen Weiten Kanadas gefällt mir ausgezeichnet, einfach in die Wälder fahren, niemandem begegnen, die Natur spüren. Ich konnte mich dort sehr gut erholen, meine Form nach der Erkältung und den trotzdem absolvierten World Cup Rennen wieder aufbauen.
Es war schade, dass ich ohne Betreuung unterwegs sein musste, so war es nicht einfach, alles für die World Cup Starts zu organisieren. Die Reifenpanne in Mt. St. Anne hätte sich bestimmt vermeiden lassen, wenn ich nicht in letzter Sekunde wegen den Wetterschwankungen meine Reifen selbst hätte wechseln müssen, mich gleichzeitig warmfahren, für das Bikemarking anstehen, einen Feedzonepass für Lisa's und meinen Versorger, den wir kurz vorher noch finden mussten, zu bekommen. Die Veranstalter konnten uns diesen Pass nicht bei der Teammanagermeeting, zu der wir am Vorabend auch noch selbst mussten, geben. So war ich schon vor dem Start völlig ausgepumpt. Hätte ich einen Betreuer dabei gehabt, der sich auch während des Rennverlaufs um mich gekümmert hätte, dann hätte ich nach dem geplatzten Reifen in der ersten Startrunde sicher die zweite Startrunde fahren dürfen und wäre nicht von dem ahnungslosen Streckenposten in UCI-Shirt - der außer Quebec-Französisch keine andere Sprache spricht und versteht - falsch weitergeschickt worden.
Ich wurde grob daran gehindert, die zweite Startrunde zu fahren, stattdessen ins Rennen geschickt, obwohl ich extra angehalten hatte, um die Sache zu klären. Denn in der Startrunde überrundet zu werden, ist eigentlich nicht reglementär, so hätte man Filip Meierhage in Schladming wegen seines Startdefektes genauso disquilfizieren müssen! Man hatte mich Runde um Runde weitergeschickt.
Trotz meiner sechsminütigen Reperatur und Diskussions-Verspätung mit dem Streckenposten gelang es mir bis auf Platz 16 vorzustechen, mit erstklassigen Rundenzeiten. Umso unverständlicher war für mich die rücksichtslose Art und Weise, mit der ich kurz vor der Ziellinie von drei
'Securitymonstern', gewaltsam vom Rad gerissen wurde - das war das Letzte. Daraufhin von den Verantwotlichen nicht einmal angehört zu werden und zuletzt auch noch zur Dopingkontrolle zu müssen, ist schon sehr schmerzlich.
Mir blieb dann nur die Wahl, mich in die Wälder zurückzuziehen, noch eine Trainingsrunde zu absolvieren und auf diese Weise mit den ungerechten Tatsachen fertig zu werden! Als Fahrer eines 'Tradeteams' hat man ohne teameigene Betreuung keine Freunde mehr, auch keine Protestrechte.
Ähnlich anstrengend war unsere Rennvorbereitung in Calgary. So standen Lisa und ich zwei Minuten vor dem Start an der Startlinie, mit unseren Trinkflaschen, einem Feedzonepass und dem Zielrucksack mit der Frage: "Who's feeding us?" Aus den Zuschauerreihen hatte sich eine nette Frau - Diane aus Calgary - unser erbarmt, sich mein Ersatztrikot übergezogen und nach einminütiger Erklärungen den Posten in der Feedzone bezogen ... und schon ging's los!
Ich hatte einen guten Start, bis alle in den ersten glitschigen Singletrail hereinrutschten, Alison Sydor in mein Hinterrad, zwei weitere Frauen auf uns beide drauf ... Ein totales Durcheinander, und ich ganz unten. Da war ich schon fast am Ende meiner Nerven, habe die anderen Drei mit meinen Füßen wieder auf die Strecke bugsieren können. Zum Dank hat die Letzte mir wieder einen Stoß nach hinten versetzt, worauf ich nochmal das Problem hatte, selbst aus dem Gestrüpp frei zu kommen. Das Ende meiner Geduld: Das war zuviel, so begann ich mit gehöriger Portion Wut im Bauch die Verfolgungsjagd, wehe, der, die mir kein Platz machen wollte, ich war schneller vorbei, als sie
registrieren konnte, was los war. Auf diese Weise konnte ich mich bis Rennende auf Platz fünf vorschieben! Immerhin ein kleiner Trost.
Das positive an diesen Rennen war die Erkenntnis, dass ich trotz allem auf beiden Rennen Rundenzeiten unter den Top3 fahren konnte und meine letzte Runde sogar die schnellste von allen war. Bis auf die zwei Renntage konnte ich ausgezeichnet trainieren und mich innerlich auf Kommendes vorbereiten.
Bei all den Stürzen und Schlechtwettereinflüssen konnte ich mich bisher 100-prozentig auf mein Ghost-Scandium-Rad verlassen, der Rahmen hat bisher alles bestens überstanden, die Shimanokomponeneten sind sehr stabil und funktionieren zuverlässig, auch die Ritcheyanbauteile halten einiges aus. Und wenn ein Reifen platzt, ist das meist ein Montagefehler, wenn man so etwas in großer Eile und einigem Stress kurz vor dem Start selbst machen muss. In Mt. St. Anne war dies der Fall, der Schlauch war wahrscheinlich leicht eingeklemmt und ist deswegen geplatzt. Denn die Maxxis-Reifen sind absolut zuverlässig, die haben für jede Strecke was Passendes.
Und auf meine Materialsponsoren kann ich mich absolut verlassen, die Zusammenarbeit ist ausgezeichnet, daran hat es nie gemangelt.

bike2b: Nach Deiner Ankunft am Anfang der Woche hattest Du ja gleich einen Anschlusstermin bei der Einkleidung der deutschen Olympioniken in Mainz. Kann man sich in der offiziellen Olympia-Team-Kleidung sehen lassen? Was hast Du bei der Einkleidung erlebt? Wie war das Treffen mit den Athleten aus anderen Sportarten? Hast Du eine erste Einstimmung auf Athen erlebt?
Ivonne Kraft: Die Einkleidung fand in der Kurmainzkaserne in Mainz statt, wir wurden dort von Sportsoldaten, die wohl einen 'Autogrammsammelwettbewerb' eröffnet hatten, eingekleidet. Auch mal ein Lob an diese Leute, das hatten sie echt gut organisiert. Wir wurden von Kopf bis Fuß komplett eingekleidet, die Verantwotlichen haben sich viel Mühe mit der Wahl der Bekleidung gegeben.
Ich glaube, die Deutsche Olympiamannschaft wird zumindest in dieser Kategorie ganz vorne mitspielen! Mitgeholfen haben dort einige meiner ehemaligen Teamkollegen/-innen der damaligen Nationalmannschaft im Trampolinturnen, die als Sportsoldaten eine Stelle gefunden haben. Es war schön, diese Sportler wiederzusehen. Von den anderen Olympioniken habe ich bis auf einen Segler noch nicht viel gesehen, alles war so getimed, dass keine Staus bei der Einkleidung entstehen konnten, denn Rumstehen ist für Sportler ja ganz ungesund! Ich freue mich schon auf das Erlebnis Athen.

bike2b: Wie sieht momentan Dein Alltag aus? Wieviel Zeit nimmt die Vorbereitung auf Athen in Anspruch? Wie schwer fällt Dir die Vorbereitung neben Deiner beruflichen Betätigung und ist das Thema 'Olympia' momentan täglich präsent in Deinem Kopf?
Ivonne Kraft: ... viel zu tun! Pressetermine rauben die meiste Zeit! So etwas schiebe ich schon mal auf ein Frühstückstreffen. Da sind gleich zwei Dinge auf einmal erledigt. Sonst würde es mit dem Training und der Arbeit zu knapp. Das Leben geht trotz Olympianominierung weiter, persönliche Dinge muss ich weiterhin selbst regeln, alle Termine koordinieren, darauf achten, dass das Training nicht zu kurz kommt, ich mich vor allem auch mal etwas ausruhen kann. Meine Arbeitszeit ist auf ein Minimum zurückgeschraubt - die Kollegen helfen mir auch sehr dabei. Ich erledige nur noch ganz dringende Dinge, die sie ohne mich nicht fertigbekommen würden, das sind im Durchschnitt zwei Stunden täglich, sonst nutze ich die Arbeitsstätte vor allem als Privatbüro für Telefonate, Sponsorsuche, Pressemitteilungen und schriftliche Interviews verfassen. Die Dusche hier ist auch von großer Bedeutung. So trainiere ich meist vom Büro aus. Da habe ich mehr Ruhe als zu Hause, wo mich Angehörige und Nachbarn dauernd befragen oder meine Hilfe für Dinge aller Art anfordern. Nette Nachbarn gehören zum Wichtigsten im Leben, ebenso eine funktionierende Familie, das schätze ich sehr. Doch diese Kontakte werde ich besser nach dem 30. August wieder eingehender pflegen. Das Thema Olympia rückt immer näher, doch die Zeit, mir einen Kopf darüber zu machen, bleibt mir gar nicht. Das ist auch ganz gut so. Ich denke, dass ich mich viel besser vorbereiten kann, wenn ich nicht soviel daran denke.

bike2b: Hast Du ein gezieltes Vorbereitungsprogramm und einen speziellen Trainingsplan für Athen? Welche Vorgaben hat Dir Bundestrainer Frank Brückner diesbezüglich gemacht? Welche Rennen stehen für Dich bis Mitte August noch auf dem Programm?
Ivonne Kraft: Natürlich habe ich einen gezielten Trainingsplan, Bundestrainer Brückner und Heimtrainer Kettmann haben einen solchen Plan ausgearbeitet. Für so ein wichtiges Rennen muss die Vorbereitung individuell abgestimmt werden, da werde ich nicht blind irgendwelchen Vorgaben folgen. Ich muss vor allem auf meinen Körper hören, damit ich mich nicht überlaste und somit das Gegenteil von guter Form erreichen würde. Ein paar kleinere Rennen werde ich - je nachdem wie es passt - in das Training einbetten. Als nächstes großes Rennen kommen die Europameisterschaften, vier Wochen später das Olympische Rennen, das trainingstechnisch den Höhepunkt in dieser
Saison darstellt. Zwei Wochen danach die Weltmeisterschaft und das World Cup Finale. Da heißt es nur, das Training korrekt auf den Höhepunkt einzustellen, dass in diesem Jahr Olympia heißt. Das ist auch der Unterschied zu anderen Jahren. Für mich ist dieses Ereignis von großer Bedeutung, war die Teilnahme an den Olympischen Spielen doch 1985 schon ein alter Kindheitstraum. Dass dieser auch noch in Athen wahr wird, ist ein ganz besonderes Geschenk ...

bike2b.de: Wann wirst Du nach Athen fliegen - erst zu den Wettkämpfen oder bist Du beim Einzug der Athleten im Olympiastadion anlässlich der Eröffnungsarbeit dabei?
bike2b: Das wäre toll, wenn wir alles dort miterleben dürften. Doch der Erfolgdruck ist sehr groß. Für die deutsche Olympiamannschaft wird es also kein spaßiges Sportfest werden, so werden wir erst zur unmittelbaren
Vorbereitung und Aklimatisierung eine Woche vor unserem Rennen anreisen, eben wie bei einer Weltmeisterschaft auch. Ich werde den Einmarsch und die Eröffnung sicher im Fernsehen - eher auf Videoband, denn tagsüber muss ich ja trainieren - verfolgen dürfen. Doch dürfen die Mountainbiker froh sein, ganz am Schluss der Spiele dran zu sein. Da bleiben wir sicher bis zur Abschlussveranstaltung dort. Dieses Flair möchte ich unbedingt miterleben.

bike2b: In welcher körperlichen Verfassung bist Du momentan? Du bist bei jedem Weltcup in dieser Saison mitgefahren und kannst die Stärken der internationalen
Konkurrenz gut einordnen. Welche Fahrerinnen werden Deiner Meinung nach bei der Vergabe des Edelmetalls mitreden? Welche Zielvorgaben stellst Du Dir selber? Ist 'dabei sein' für Dich alles oder hast Du Dir engere Ziele gesteckt?
Ivonne Kraft: Nach dem Training in Kanada geht es mir richtig gut, ich bin zuversichtlich, meine Leistungsfähigkeit bis zu den Spielen nochmal verbessern zu können. Die Konkurrenz schläft nicht. Auf den World Cup Rennen war sehr deutlich, dass Gunn-Rita Dahle aus Norwegen immer noch den Ton angibt, doch nach ihr fand von Rennen zu Rennen eine starke Rotation statt, die 15 Spitzenreiterinnen sind immer sehr dicht beisammen und wechseln sich ständig ab. Die italienische World Cup-Gesamtwertungszweite Annabella Stropparo, die in dieser Saison jedes Rennen ungewöhnlich stark gefahren war, ist von ihrem Verband wegen Ungereimtheiten in der Vergangenheit, nicht zugelassen, Paola Pezzo hat gezeigt, dass sie wieder angreifen wird, doch so richtig stabil
auf den vorderen Rängen gefahren, ist dieses Jahr außer Dahle, keine. Es verspricht ein sehr spannendes Rennen zu werden, Medaillenanwärterinnen gibt es fast halb so viele wie Teilnehmerinnen in diesem Rennen! Sind ja nur 30
dabei, es werden auch wirklich die stärksten sein. Mit Dahle ist sicher zu rechnen, danach die Kanadierinnen Premont und Sydor, die Russin Kalentieva, Spaniens Fullana, aus der Schweiz Blatter, Pezzo oder die Amerikanerin. Noch ist ja nicht klar welche - McConneloug belegte in Calgary
Platz zwei. Leboucher aus Frankreich oder Van RoyVink aus den Niederlanden. Auch Ostergreen aus Schweden ist in diesem Jahr ausgesprochen stark. Und nicht zuletzt wir zwei Deutschen, Sabine Spitz und ich. Nicht zu vergessen, die starken Polinnen mit ihren drei Spitzenfahrerinnen Szafraniec, Sadlecka und Wlozofskaja, alle dieser Fahrerinnen haben ihren Anspruch auf eine Medaille gezeigt und ihr Können unter Beweis gestellt. Ich habe mir viel vorgenommen, Top Fünf ist realistisch, wenn bis zu den Spielen alles stimmt und das Quäntchen Glück auf meiner Seite ist.

bike2b: Vielen Dank für das Interview, Ivonne. Wir drücken Dir die Daumen für den 27. August.
Ivonne Kraft: Vielen Dank.


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