
Impressionen

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Von Küchenbrettern und nächtelangen Qualen
bike2b-Redaktion am 14.08.2006 - 10:57 Uhr
24 Stunden Dauerbiken lebt von der Atmosphäre und fördert so manche Kuriositäten, zumal in den fortgeschrittenen Nachtstunden. Auch die Focus 24-Stunden von Duisburg im Landschaftspark Nord erzählten viele schöne Geschichten. Ein paar davon, die den Tag-und-Nacht-Event illustrieren, sind hier zusammen getragen.
Abenteuer mit Hosenträgern
Das Zelt des MTB-Treff Moers sieht aus wie ein kleines Bundeswehr-Camp - wie viele andere auch. "Wir haben gelernt vom letzten Jahr", wird vielsagend genickt. Bei ihrer 24-Stunden-Premiere hatten die Moerser an eine Schlafgelegenheit gar nicht gedacht und mussten sich deshalb hinterm Lenkrad ihres LKW aufs Ohr hauen, zumal es 2005 heftig geregnet hat. Das Achter-Team hat 2006 besser geplant. "Auf Platz 17 verbessert", wird kurz nach 12 Uhr vermeldet. Letztes Jahr waren sie Letzter. Spaß haben, das ist unsere Motivation. Ein Achterteam, das ist ja Abenteuer mit Hosenträgern", sagt einer und denkt laut über ein Viererteam 2007 nach. "Ach was", wird da gleich aus dem Sessel gegenüber gekontert, "vor zwei Wochen hast du gesagt, das wär dein letztes Mal."
Schlusskonferenz
Man könnte sich auf einem Campingplatz im Süden wähnen. Wäsche hängt zum Trocknen auf allem, was zum Hängen geeignet ist. Inklusive Fahrradlenker. Schon am späten Samstagnachmittag hängen Leute schlaff in Liegestühlen als würden sie einen Strandurlaub genießen. Daneben hört man die Schlusskonferenz der Fußball-Bundesliga. Es wird gekocht und gespeist, gelesen und gequatscht, auch mal ein Bierchen getrunken. Und die Bikes geschmiert und geölt. Das passt dann doch eher zu einem Radrennen.
Fankurve mit Küchenbretter: Du hast die Haare schön
Dass es im Landschaftspark Nord einen Berg gibt, einen kleinen zwar aber nach Stunden der Treterei doch immer größer und steiler werdend, das wussten viele nicht. Und weil dieser Berg in der Nacht immer brutaler wird, hat sich der vierköpfige Fanclub vom Team Vitasports-Watzup Duisburg genau dort postiert, ihr Lager aufgeschlagen ein paar Fackeln in den Boden gestemmt und die ultimative Fankurve gebildet. Unermüdlich klopfen sie Küchenbretter aufeinander sobald ein Fahrer unten um die Kurve biegt. "Hei, du siehst noch gut aus", schallt ihm die Motivationshilfe entgegen. Obwohl zu diesem Zeitpunkt, ehrlich gesagt, höchstens eine dunkle Gestalt hinter einem hellen Lichtkegel zu erkennen ist. "Zieh, zieh, zieh", geht es weiter. "Ihr seid super", kommt es zurück. Und mancher Nightrider staunt. "Wollt ihr das die ganze Nacht machen", fragt einer beim Vorbeipedalieren. Naja, mal sehn. "Die hier mitfahren, haben alle einen Lattenschuss verdient", meint einer voller Respekt. Es geht weiter als wäre man im Wedaustadion. "Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön", singen die beiden weiblichen Fans, wenn ein langhaariger Biker vorbei kommt. Bis 0:30 Uhr nachts hat der Fanclub durchgehalten. Und, man mochte es kaum glauben, am Sonntag morgen um 9:30 Uhr ging das Spektakel weiter. Fast erleichtert kommentierten die Langstrecken-Freaks: "Ach, seid ihr auch wieder da?" Das hat natürlich auch einen Lattenschuss verdient.
Den Rhythmus finden
Fünf Teams hat Bike-Sport-Lippe aus Detmold am Start. Und ein eigenes Catering. Traubenzucker, Schokolade, Pfirsiche, Kuchen, Bananen - für eine ausdifferenzierte Verpflegung der Fahrer ist gesorgt. "Das haben wir uns dieses Jahr gegönnt", lächelt Christian Leding. Der Verein Bike-Sport Lippe kooperiert mit dem Westfälischen Kinderdorf Lipperland, in dem es eine ungefähr 30-köpfige Bike-Gruppe mit dem Titel "Rat Pack" gibt, ein paar von ihnen sind in Duisburg auch dabei. "Für die Kinder und Jugendlichen ist Mountainbiken ideal. Sie können sich auspowern und es hat was mit Technik zu tun", erklärt Leding. Ein 24-Stunden-Rennen ist für ihn in erster Linie Kopfsache. "Du kommst an Grenzen, der Wille ist wichtig, wenn die Schmerzen kommen", versucht er der Faszination des Dauerbikens zu beschreiben, "du musst deinen Rhythmus finden und im Team haben alle ein Ziel".
Schlafen und verschlafen
Die Strategien, mit denen sich die Teams die 24 Stunden ein-, respektive aufteilen, sind sehr unterschiedlich. Manche fahren jeweils eine 7,5-Kilometer-Runde von knapp zwanzig Minuten und wechseln dann. Andere fahren zwei, drei oder gar vier Runden am Stück. Manche schonen ihre schwächeren Mitglieder und fahren unterschiedlich viele Schleifen. Viele machen einen Zeitplan, damit Jeder weiß, wie lange er ausruhen oder schlafen kann. Ohne Wecker geht das bisweilen auch schief und einer dreht eine Runde mehr als ausgemacht. Und noch eine, und noch eine.... Einem Solofahrer kann das natürlich nicht passieren. Was aber vielleicht der einzige gute Grund ist, sich im nächsten Jahr als Solofahrer anzumelden.
Franz Wohlsdorfer: Eine Frage des Willens
Für viele der Rock-around-the-clock-Biker in Duisburg ist er der Held: Franz Kohlsdorfer. Unangefochten triumphierte er in der Wertung der Einzelkämpfer. Zweieinhalb Stunden vor Schluss machte er eine von wenigen, ganz wenigen, Pausen und erklärte en passent das Ende seiner 24-Stunden-Karriere. Kohlsdorfer hatte das Rennen schneller begonnen als geplant. André Kupig aus Oberhausen war mächtig losgeprescht und hatte den Münchner zum Reagieren gezwungen. "Den kannte ich nicht, den konnte ich nicht weit weg lassen", erklärte er, warum er sich zu hohem Anfangstempo genötigt sah. Ein anderer guter Fahrer, Marco Kupke aus Coburg, war für Kohlsdorfer kein ernstzunehmender Konkurrent. Und dann hob er zu einer längeren Erklärung an: "Der ist zu jung, 30 musst du mindestens sein, um die Erfahrung zu haben. 24-Stunden-Rennen werden im Kopf entschieden, du musst den Kopf dazu haben. Du musst dich überwinden können, es ist alles eine Frage des Willens. Ich habe den auch nicht mehr. Deshalb höre ich auf, das ist mein letztes 24-Stunden-Rennen als Einzelfahrer." Vor sechs Jahren hatte der heute 40-Jährige nach vielen MTB-Marathons mal ein 24-Stunden-Rennen-in Eschlikon (SUI)- ausprobiert und war prompt Zweiter geworden. War der Erfolg die Triebfeder? "Ja, klar!" Und jetzt? "Ich hatte dieses Jahr das Pfeiffersche Drüsenfieber, dadurch hat sich für mich vieles verändert. Ich sehe die Dinge anders. Ich kann mich nicht mehr genug quälen. Und im Beruf kommen die Aufträge auch nicht von allein." In sechs Jahren stand der Bayer 18 Mal auf dem Podium, in Duisburg alle drei Mal ganz oben. Das Gespräch endete an dieser Stelle abrupt. Kohlsdorfer schwang sich auf sein Bike, weil Freundin Claudia Macketanz signalisiert hatte, dass der Zweitplatzierte grade vorbei gerauscht war. Wohlgemerkt: Kohlsdorfer hatte fünf Runden Vorsprung. "Nur ein Spiel", merkte die Gefährtin an. Nur im Landschaftspark Nord, so würde er später im Ziel sagen, hätte er sich noch einmal motivieren können. "Ich hatte gute Erinnerungen an das Rennen hier. Nur hier konnte ich mir das noch mal antun. Es war nicht der Kampf gegen die Konkurrenz, ich hab’s für mich gewonnen", bekannte Kohlsdorfer. Aber noch mal? Nein. Auch wenn die Freundin meinte, nach zwei Tagen könnte das auch wieder anders aussehen. Nein, schüttelt er den Kopf.
Übrigens: Kohlsdorfers Sohn Julian (16) saß die ganzen 24 Stunden mit seinem Freund Sascha am Streckenrand. Auf die Frage, ob er auch mitfahren wollte, meinte er trocken: "Ich bin doch nicht verrückt.“ Ob sein Vater verrückt sei? "Nein, er ist nicht verrückt. Aber das, was er da tut, ist verrückt." Stimmt irgendwie, oder?
Härter als der Eisenmann
Wenn mitten in der Nacht die Motivation der Dauerbiker sinkt, ist das sicher nachzuvollziehen. Ein unbekannter Triathlet bekannte sich: "Die Motivation ist nicht mehr da", sagte er offen. Ein wenig bedauerndes Verständnis begegnete er mit einer erstaunlichen Erklärung. "Ich wollte eigentlich gar nicht mitmachen. Aber ich musste dann doch im Zweierteam ran. Und das hier ist härter als ein Ironman-Triathlon. Da kannst du wenigstens auf deinen Lenker liegen und im Rhythmus treten. Hier geht es immer auf und ab, der Puls ist mal 130 mal 190, das ist brutal."
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